Festrede
zur Offiziellen Namensverleihung der Schule
Einen Namen zu finden für ein neugeborenes Kind ist ein wichtiger und prägender Schritt ins Leben dieses Kindes: Jeder, der schon einmal damit befasst war, weiß darum: Man verbindet mit bestimmten Namen bestimmte Wesenszüge und weiß dadurch sehr schnell und sicher, wie ein Kind nicht heißen soll. Man hat Wünsche, Vorstellungen, eine ganz bestimmt Idee, wie dieses Kind sein möge. Mit dem Namen, den man ihm geben möchte, soll das Wesentliche beim Namen genannt werden, denn mit diesem Namen macht man dieses neue Kind zu einem Individuum, der Name soll richtungsweisend sein und erwünschte Potentiale kennzeichnen – es ist und bleibt immer sehr schwierig, den richtigen Namen zu finden, denn jeder kennt den Spruch“ Nomen est omen“ – das lateinische Wort ominosus bedeutet: „voll von Vorbedeutung“!
So erging es auch uns: Als nach der Zusammenführung der Systeme der organisatorische Name der Schule immer schwieriger und auch immer allgemeiner wurde, war klar: Wir brauchen einen Namen, der das Wesentliche beim Namen nennt, der unsere Schule aus der Masse der Schulen heraushebt, der richtungsweisend ist und der unsere Potentiale kennzeichnet.
Und wenn Sie jetzt denken, das sei einfacher, als den Namen für ein Neugeborenes zu finden, da täuschen Sie sich sehr!
Insgesamt rund drei Jahre hat es gedauert bis zum heutigen Tag der offiziellen Namensverleihung, bis dieser auch für uns schwierige Prozess abgeschlossen war. Und ich bin ganz besonders stolz darauf, dass der Namensvorschlag aus der Reihe der Schülerinnen und Schüler, vertreten und begründet von unserem ehemaligen Schüler und Schülersprecher Tim Kutschfreund, zum Tragen kam und breite Zustimmung gefunden hat.
Geschwister-Scholl-Schule: Wir greifen zurück in eine Zeit, die uns Erwachsenen auch heute noch schwer im Magen liegt und die auch unsere nachwachsende Generation in der weltweiten politischen Diskussion noch sehr belastet: Unsere junge Generation ist sicher nicht schuldig an dem, was im Dritten Reich an Entwürdigung und Unrecht an Menschen, insbesondere an ethnischen Gruppen wie Juden, Sinti, Roma, aber auch an Minderheiten wie Homosexuellen, Behinderten und politisch Unliebsamen geschah, nicht schuldig an dem Machtwahn eines Diktators, der die Rechte anderer Staaten durch gewaltsame Annektion und Entrechtung mit Füßen trat.
Dies soll auch nicht ausgedrückt werden mit dem Rückgriff in die Geschichte.
Dieser Namensvorschlag aus den Reihen der Schülerinnen und Schüler macht mich deshalb stolz, weil er zeigt, dass unsere Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen und die Vergangenheit mit der gegenwärtigen politischen Diskussion zielgerichtet zu verbinden.
Machen Sie mit mir eine kleine geschichtliche Exkursion, um diesen Satz zu verstehen:
Es gab zwar schon seit der Machtergreifung Hitlers 1933 und der damit einher gehenden erzieherischen Indoktrination der Jugend studentische Gegenbewegungen, die sogenannte linke „Swing-Jugend“ oder die Bemühungen aus den Reihen der christlichen Jugendbewegung, die jedoch kaum ernst genommen wurden.
Als durchaus ernsthafte Bedrohung nahmen die NS-Behörden in den Kriegsjahren dagegen die Aktionen der studentischen Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose" wahr, ein studentischer Protest während des 2. Weltkrieges. Es waren andere Motive als in den Jahren bis 1939 und auch eine andere Studentengeneration, die den Protest formulierte. Dabei handelte es sich bei der Weißen Rose in München um einen „Mini-Mini-Widerstand“, , wenn man bedenkt, dass von ca. 8000 Studenten in München ungefähr 20-50 im näheren und weiteren Kreis um diesen Widerstand wussten. Das ermutigt auch heute noch: Es braucht keine Massenbewegungen, um nachhaltige Veränderungen auf den Weg zu bringen!
Den Kern dieser Gruppe bildeten fünf Studenten, zwischen 21 und 25 Jahren alt: Hans und Sophie Scholl, Willi Graf, Christoph Probst und Alexander Schmorell. Ihr Mentor war Professor Kurt Huber, der schon vorher mit den Nationalsozialisten in Konflikt geraten war. Zur „Weißen Rose“ gehörten noch etwa ein Dutzend Studenten, Intellektuelle, Künstler, es war ein nicht organisierter Freundeskreis.
Im Juni und Juli 1942 tauchten in München insgesamt vier Flugblätter auf, verfasst im wesentlichen von den beiden Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell. Diese Flugblätter richteten sich an das gebildete Bürgertum, aus dem die Verfasser stammten. In pathetischer Sprache, mit vielen Zitaten aus der klassischen Literatur und christlich-moralischen Appellen wurde zum passiven Widerstand gegen den verbrecherischen Krieg des Hitler-Regimes aufgerufen.
Kriegsdienst in einer Studentenkompanie an der Ostfront führten Willi Graf, Alexander Schmorell und Hans Scholl im Sommer 1942 die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges vor Augen und bestärkten sie in ihrer Absicht, nach ihrer Rückkehr im November 1942 Widerstand durch politische Aufklärung der Öffentlichkeit zu leisten.
Die beiden letzten Flugblätter der „Weißen Rose“ unterschieden sich dann auch deutlich von den schöngeistigen und literarischen ersten vier Botschaften. Präzise und politisch unmissverständlich verwiesen die Verfasser im Januar und im Februar 1943 auf die aussichtlose Kriegslage nach der Katastrophe von Stalingrad und riefen zum aktiven Kampf gegen den NS-Staat auf, dessen Verbrechen sie beim Namen nannten. Hören Sie einige kurze Passagen:
"Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, seine Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet!", heißt es im sechsten Flugblatt der "Weißen Rose", das die Widerstandsgruppe im Februar 1943 verbreitete.
„Es geht um ... echte Geistesfreiheit. Kein Drohmittel kann uns erschrecken ...! Es gilt den Kampf jedes einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewussten Staatswesen. ... Studentinnen und Studenten! Auf uns sieht das Deutsche Volk! Von uns erwartet es ... die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes...“
Beim Verteilen dieser Flugblätter am 18.Februar 1943 im Lichthof der Münchener Universität wurden Sophie und Hans Scholl von einem Hausmeister festgehalten und einer Gestapo-Sonderkommission übergeben. Vier Tage später, am 22. Februar 1943, standen sie zusammen mit Christoph Probst vor dem Volksgerichtshof. Die Todesurteile wurden noch am gleichen Tag vollstreckt. Im April 1943 gab es einen zweiten Prozess gegen vierzehn weitere Mitglieder der Weißen Rose. Willi Graf, Kurt Huber und Alexander Schmorell wurden zum Tode verurteilt, die anderen zu Haftstrafen.
Was nehmen wir von alldem mit in unsere Zeit, was bedeutet es für uns, wenn wir als Schule durch unsere Namensgebung diese Erinnerung aufrecht halten?
Das sind die Botschaften, die uns unter anderen Sophie und Hans Scholl hinterlassen haben, formuliert in unsere Zeit. Sie sollen uns und unseren Schülerinnen und Schülern Vorbild sein in unseren heutigen alltäglichen Situationen:
- Schweigt nicht, wenn ihr seht, dass Unrecht geschieht, auch wenn es schwer ist, den Mund aufzumachen und sich gegen die Masse zu stellen!
- Seht nicht weg, wenn Menschen gleich welcher ethnischen Abstammung, egal welchen Lebensstils angegriffen und entwürdigt werden!
- Kämpft aktiv, aber friedlich gegen Rechtsextremismus, der heute wieder versucht, vor allem bei den heranwachsenden Menschen Platz zu greifen!
- Setzt euch dafür ein, dass die Freiheit als höchstes Gut der Menschen nie mehr gefährdet werden darf!
- Erkennt und versteht die Gefahren von Diktaturen und setzt euch ein für die Demokratie als die „Herrschaft des Volkes“!
- Übernehmt Verantwortung in unserer Gesellschaft, auch politische Verantwortung, ohne die ein demokratischer Staat nicht existieren kann.
- Bezieht klare und eindeutige Position, wenn Menschen mit Beeinträchtigungen ausgegrenzt und der lächerlich gemacht werden und tragt dazu bei, dass auch sie ihren ebenbürtigen Platz in unserer Schule und in der Gesellschaft finden ohne Unterschied zu allen anderen Menschen.
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Macht euch klug, denn ohne die „Macht des Geistes“, ohne die notwendigen Kenntnisse, können keine tragfähigen Entscheidungen getroffen werden.
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Habt Zivilcourage und bezieht klare Stellung, wenn ihr Unrecht erkennt!
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Setzt euch mit den vielfältigen Erfahrungen, die ihr in den genannten Situationen macht, auseinander und werdet durch aktiven, aber friedlichen Widerstand stark daran!
Diese Botschaften brauchen einen Raum, in dem sie eingeübt werden können, damit sie auch öffentlich ihren Platz finden.
Mit dem Namen „Geschwister-Scholl-Schule“ benennen wir öffentlich unsere Bereitschaft, diese Botschaften in unserer Schule mit Leben zu füllen und beschreiben das Ziel, unsere Schülerinnen und Schüler aus der Geschichte heraus an ihre heutige Verantwortung für Staat und Gesellschaft heranzuführen und ihnen in ihrer Schule eine Plattform zu bieten, auf der sie Demokratie erproben und Zivilcourage üben können.
Das bedeutet für uns
- mehr Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern in die Gestaltung und Ausprägung unserer Schule als Schule für alle Kinder.
- mehr Mitverantwortung für das gemeinsame Leben und Lernen in unserer Schule als Schule für Kleine und Große.
- durchgängig ein Mehr an Demokratie und das Übungsfeld für die Entwicklung politischen Denkens durch Angebote zur Übernahme von Verantwortung füreinander, was sich in unseren Projekten niederschlägt wie
- Streitschlichtung
- Schülerlotsen
- Schülerkiosk
- Schüler-Pausenraum und Pausenunterstützung
- Schülerparlament
- Patenschaften "Schüler für Schüler" zur Unterstützung des besseren Ankommens in der Schule
- Freiwillige Hausaufgabenpatenschaften in der Ganztagsschule
- ... und, und, und ... da fällt uns miteinander sicher noch mehr ein!!!
- Zuletzt: deutlich mehr Zivilcourage vorleben und ermöglichen durch die Ermutigung dazu in unserer großen Schule, die die Aufmerksamkeit aller hier Lebenden braucht.
Es gilt heute wieder mehr denn je das Wort von Prof. Dr. Ulrich Beer zum Thema "Zivilcourage"
„...denn ... nicht sich drücken, sondern sich ausdrücken ist gefragt...!“